Zwei Zentimeter

Ich weiß, ich bin da vielleicht etwas eigen. Die meisten nennen dieses Werkzeug einfach „Zollstock“. Ich eigentlich nie. Für mich ist das ein Meterstab. Schließlich misst er Meter und Zentimeter und keine Zoll. Wer es ganz genau nehmen möchte, müsste sogar „Gliedermaßstab“ sagen. Aber ehrlich gesagt ist mir inzwischen ziemlich egal, wie andere das Ding nennen. Auf der Baustelle weiß sowieso jeder, was gemeint ist.

Vor ein paar Jahren hat sich ein Kollege allerdings einen kleinen Scherz mit meinem Meterstab erlaubt. Heimlich hat er an einem Ende einfach zwei Zentimeter abgesägt. Nicht viel – gerade so wenig, dass es beim flüchtigen Hinsehen überhaupt nicht auffällt. Ich habe dummerweise nichts davon bemerkt und ganz normal weitergearbeitet.

An diesem Tag musste ich mehrere Kabelkanäle zuschneiden. Den ersten habe ich sorgfältig ausgemessen, angezeichnet und abgeschnitten. Als ich ihn montieren wollte, fehlten genau zwei Zentimeter. Also noch einmal von vorne. Diesmal passte alles perfekt. OK. Fehler passieren. Nicht schlimm. Die nächsten Kabelkanäle ließen sich ohne Probleme montieren. Ich dachte schon, ich hätte mich beim ersten Stück einfach vermessen.

Erst später am Tag passierte es wieder. Wieder war ein Kabelkanal exakt zwei Zentimeter zu kurz. Langsam kam mir das seltsam vor. Ich nahm meinen Meterstab genauer unter die Lupe und entdeckte schließlich die Ursache: Die beiden Zentimeter am Anfang fehlten.

Plötzlich war auch klar, warum manche Kanäle gepasst hatten und andere nicht. Mal hatte ich von der einen Seite des Meterstabs gemessen, mal von der anderen. Je nachdem, ob ich zwei mal die gleiche Seite benutzt hatte, stimmte das Maß – oder eben nicht.

Seitdem muss ich immer wieder an diese Geschichte denken. Denn eigentlich funktioniert das im Leben ganz ähnlich. Wenn der Maßstab nicht stimmt, können auch die Ergebnisse nicht stimmen. Das gilt auf der Baustelle genauso wie im Alltag.

Jesus sagt in der Bergpredigt:

„Denn so wie ihr jetzt andere richtet, werdet auch ihr gerichtet werden. Und mit dem Maßstab, den ihr an andere anlegt, werdet ihr selbst gemessen werden.“ (Matthäus 7,2)

Oft denken wir bei diesem Vers zuerst daran, wie wir andere Menschen beurteilen. Aber bevor Jesus vom Beurteilen spricht, geht es eigentlich um den Maßstab selbst. Woran orientieren wir uns? Nach welchen Maßstäben treffen wir unsere Entscheidungen? Was ist für uns richtig oder falsch?

Unsere Maßstäbe verändern sich manchmal fast unbemerkt. Die Meinung anderer Menschen, gesellschaftliche Entwicklungen oder die eigenen Wünsche können dazu führen, dass wir manches plötzlich ganz anders bewerten als früher. Genau wie bei meinem gekürzten Meterstab fällt uns das oft gar nicht auf – bis irgendwann die Ergebnisse nicht mehr passen.

Deshalb finde ich es wichtig, den eigenen Maßstab immer wieder mit Gottes Wort zu vergleichen. Nicht, weil Gott uns das Leben schwer machen möchte, sondern weil sein Maßstab zuverlässig ist. Er verändert sich nicht heimlich um zwei Zentimeter.

Und genau das gibt mir Orientierung. Denn wenn der Maßstab stimmt, ist die Wahrscheinlichkeit deutlich größer, dass am Ende auch das Ergebnis passt.


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