Gruppenpraxis: Alt werden – Teil 1

Älter werden in der Mitarbeit – und plötzlich nicht mehr der Coole sein

Vorwort:

Ziemlich direkt nach meiner Konfirmation Anfang der 1990er Jahre bin ich als Mitarbeiter in die Gammesfelder Bubenjungschar eingestiegen, die ich bis heute leite.
Ich habe gemeinsam mit anderen Jugendlichen das Dachgeschoss des Gemeindehauses zu einem Jugendcafé ausgebaut, das viele Jahre ein Anziehungspunkt in der Region war. Auch da war ich viele Jahre im Leitungsteam. Und wie es aussieht rutsche ich bei der Wiedereröffnung gerade wieder mit rein.
Ich war lange Jahre im Technik- und Backstageteam von verschiedenen Chören und Projekten.
Ich bin vor so langer Zeit in die Zeltlagerarbeit der AJC-Jungscharfreizeit eingestiegen, dass mittlerweile die Kinder der damaligen Teilis auf das Zeltlager mit gehen.

Vieles ist noch so wie damals, aber einiges hat sich auch verändert. Vor allem: Ich.

Irgendwann habe ich gemerkt: Ich bin immer noch Mitarbeiter, immer noch mit Freude dabei – aber ich bin nicht mehr automatisch „der Coole“. Jüngere MA sind näher an den Teilis, schneller bei Trends, und selbstverständlicher Teil ihrer Welt. Das ist gut so. Trotzdem fühlt sich dieser Rollenwechsel erst mal ungewohnt an.

Zur Entstehung dieses Beitrags

Über längere Zeit habe ich meine Gedanken zu diesem Thema gesammelt – ehrlich, ungeordnet, aus meiner eigenen Erfahrung heraus. Entstanden ist das Ganze mit Hilfe eines KI-Chats, in den ich über fast ein Jahr immer wieder Beobachtungen, Gedanken und Erkenntnisse geworfen habe. Ganz chaotisch und unstrukturiert. Jetzt lasse ich die KI eine strukturierte Gliederung ausspucken, die ich dann wieder manuell ausarbeite. Die KI war quasi als Gedankensortierhilfe im Einsatz. Dabei ist so viel zusammengekommen, dass daraus drei Beiträge werden.

In dieser Reihe möchte ich allen Mitarbeitenden, die merken, dass sich „etwas“ verändert, von meinen Erfahrungen berichten. In der Hoffnung, dass auch ihr noch viele Jahre für junge Menschen da seid und eure Erfahrungen an die nächste Generationen der Mitarbeitenden und Teilis weiter gebt.

Das sind keine fertigen Konzepte, sondern persönliche Gedanken aus vielen Jahren Gruppen- und Zeltlagerarbeit. Vielleicht findest du dich darin wieder. Vielleicht helfen sie dir, deinen eigenen Platz neu zu entdecken.

WICHTIG! Hier stehen meine Erfahrungen und keine absoluten Wahrheiten. Einige erfahrene Mitarbeitende haben diesen Beitrag im Vorfeld gelesen und ihre Kommentare da gelassen.Ich hab sie so weit wie möglich übernommen. Bei einigen Kommentaren muss ich sagen: Nicht meine Erfahrung, aber bestimmt richtig und wichtig. Die habe ich in einem PS an den 3. Beitrag angehängt.
Ich würde mich freuen, wenn ihr eure Erfahrungen in die Kommentare schreibt. Habt ihr ähnliches erlebt? Denkt ihr, dass meine Ausführungen falsch sind? Lasst es mich – und vor allem andere MA – wissen.

Symbolbild: Ein gutaussehender Mitarbeiter, dem man nur an ein paar Stellen am Bart ansieht, dass er nicht mehr ganz jung ist.

Wenn man merkt, dass sich etwas verschiebt

Ich kann keinen genauen Zeitpunkt benennen, aber irgendwann habe ich gemerkt:
Ich bin nicht mehr automatisch der „coole“ Mitarbeiter. Früher war ich näher dran an den Teilis, habe ihre Musik gehört, ihre Spiele gespielt und ihre Sprache mitgesprochen, weil es meine eigene war. Heute sind da jüngere Mitarbeitende, die genau das viel besser können – einfach, weil sie näher an ihrem Alter sind.

Das tut erst mal weh.
Nicht dramatisch, aber spürbar. Man rutscht innerlich vom „coolen Mitarbeiter“ auf das Level „normal“ oder „durchschnittlich“. Und ja: Die jüngeren MA sind oft beliebter bei den Teilis. Das ist kein persönliches Versagen, sondern schlicht und einfach Realität. Trotzdem muss man solche Gedanken erst mal akzeptieren.

Authentisch bleiben statt krampfhaft mithalten

Irgendwann habe ich gemerkt, dass ich nicht jeden neuen Trend mitmachen kann – und ehrlich gesagt auch nicht will. Zeiten ändern sich, Geschmäcker ändern sich, und manches fühlt sich für mich einfach nicht mehr natürlich an.

Trotzdem will ich mitbekommen, wie Jugendliche ticken. Ich frage nach, lasse mir erklären, was gerade angesagt ist und warum Teilis bei bestimmten Trends mitmachen. Wenn mir ein Jugendwort gefällt, übernehme ich es vielleicht sogar. Aber ich habe gelernt: Krampfhaft Jugendsprache zu sprechen kommt nicht gut rüber. Die Teilis wissen, dass ich nicht so bin – und genau deshalb wirkt es unauthentisch.

Und vor allem frisst es ziemlich viel Energie, die ich in der Gruppe anders einsetzen kann.

Ehrlich zu sagen: „Das ist nicht mein Ding, aber erklär’s mir mal“, schafft mehr Nähe als jede gespielte Coolness.

Ich versuche zum Beispiel, die Jugendsprache weiterhin zu verstehen. Dazu muss ich sie aber nicht aktiv anwenden. Andererseits ist es mir wichtig, zu verstehen, was sie sagen.

Tipp: Auf Seiten wie Mr. Jungendarbeit und Jugendleiter Blog setzen sich Menschen aus der Jugendarbeit mit aktuellen Trends auseinander. Ihr könnt dort einfach nachschauen was in ist. Oder die Newsletter bestellen und mit wenig Aufwand auf dem Laufenden bleiben.

Leiter statt Kumpel

Mit den Jahren ist mir immer klarer geworden: Ich bin zuerst Leiter und erst danach Kumpel.

Das heißt nicht, dass Nähe, Beziehung und Freundschaft unwichtig wären – im Gegenteil. Aber ich mache nicht alles mit, nur um Zustimmung zu bekommen oder „cool“ zu sein. Die Teilis brauchen meistens nicht noch einen Kumpel. Davon haben sie üblicherweise genug. Was sie von mir brauchen, ist jemand, dem sie vertrauen können und der einen klaren, verlässlichen Rahmen setzt.

Diese Rolle fühlt sich anders an als früher. Weniger kumpelhaft, dafür tragfähiger. Und rückblickend merke ich: Genau darin liegt eine neue Form von Nähe.

Alt sein hat auch Vorteile

Alt werden in der Mitarbeit bedeutet nicht nur Verlust. Es bringt auch Vorteile mit sich.
Ich habe mehr Lebenserfahrung als jüngere Mitarbeitende. Ich habe schon schwierige Situationen erlebt, manche Konflikte gesehen und schon aus meinen Fehler gelernt. Davon können Teilis – und auch junge MA – profitieren.

Ich erzähle bei Bedarf bewusst von meinen Erfahrungen. Nicht mit dem Unterton „früher war alles besser“, sondern mit der Haltung: Ich habe das schon erlebt, vielleicht hilft es dir. Diese Form von Nähe ist leiser, aber oft nachhaltiger.

Vielleicht – nein, ganz sicher – bin ich nicht mehr der Erste der die Charthits kennt oder ganz vorn ist beim neuesten Hype.
Aber ich merke: Der Kontakt zu den Teilis ist nicht weg – er hat sich verändert.

Du hast Erfahrung: Auf dich wird gehört

Ich habe gemerkt, dass eine Aussage von mir, als erfahrenem MA, im Team oft erstaunlich ernst genommen wird. Ein grundsätzlich guter Vorschlag aus dem Team kann schnell von meiner Aussage übertrumpft werden. „…wenn BÖ das sagt, wird es wohl stimmen“
Deshalb ist es wichtig, sich über diese „Macht“ im Klaren zu sein.

Ich habe schnell einen lockeren Spruch auf den Lippen. Gerade deshalb muss ich mir meiner Rolle bewusst sein. Als erfahrener Mitarbeiter habe ich eine gewisse Autorität – ob ich will oder nicht. Mein Wort hat Gewicht.

Humor ist gut und wichtig. Aber gerade wer oft locker spricht, sollte darauf achten, dass er trotzdem ernst genommen werden kann – und dass andere unterscheiden können, wann etwas ein Scherz ist und wann nicht.

Ausblick auf Teil 2:
Wenn man diese Veränderung akzeptiert, eröffnet sich eine neue Rolle: vom Kumpel hin zum Begleiter, Ermöglicher und Brückenbauer – im Team und gegenüber den Teilis.


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