Verantwortung, Grenzen – und rechtzeitig loslassen
Ziemlich direkt nach meiner Konfirmation Anfang der 1990er Jahre bin ich als Mitarbeiter in die Gammesfelder Bubenjungschar eingestiegen, die ich bis heute leite.
Ich habe gemeinsam mit anderen Jugendlichen das Dachgeschoss des Gemeindehauses zu einem Jugendcafé ausgebaut, das viele Jahre ein Anziehungspunkt in der Region war. Auch da war ich einige Jahre im Leitungsteam und bin jetzt beim Neustart wieder dabei.
Ich war lange Jahre im Technik- und Backstageteam von verschiedenen Chören und Projekten.
Ich bin vor so langer Zeit in die Zeltlagerarbeit der AJC-Jungscharfreizeit eingestiegen, dass mittlerweile die Kinder der damaligen Teilis auf das Zeltlager mit gehen.
Vieles ist noch so wie damals, aber einiges hat sich auch verändert. Vor allem: Ich.
Je länger ich Mitarbeiter bin, desto klarer wird mir:
Nicht alles, was man tragen kann, sollte man auch dauerhaft tragen. Und nicht alles, was gut funktioniert, bleibt automatisch gut, wenn man nichts verändert.
Eigene Grenzen wahrnehmen – körperlich und emotional
Ich merke heute deutlich stärker als früher, dass auch mein Körper Grenzen hat. Nach einer AJC-Jungscharfreizeit brauche ich inzwischen ganz bewusst eine Woche Erholungsurlaub. Früher hätte ich darüber gelächelt, heute weiß ich: Diese Pause ist notwendig.
Das gilt nicht nur körperlich, sondern auch emotional. Manchmal können anstrengende Teilis einem die Kräfte und Nerven rauben. Wenn man mit Kindern und Jugendlichen arbeitet, kommt man immer wieder an Situationen, in denen Teilis echte Probleme haben. Man versucht zu helfen, hört zu, begleitet – und merkt irgendwann: Ich kann nicht alles auffangen.
Ganz altersunabhängig gilt:
Wir sind keine Psychologen.
Ehrenamtliche Mitarbeitende haben üblicherweise keine Ausbildung in Psychologie. Und auch Hauptamtliche lernen so etwas wohl nur am Rande.
Wir sollen unterstützen, begleiten, ernst nehmen – aber wir sind nicht die Retter der Jugendlichen. Es ist weder realistisch noch gesund, sich emotional in jedes Problem hineinziehen zu lassen. Bei ernsthaften psychischen Problemen gehört auch der Mut dazu, professionelle Hilfe zu empfehlen.
Getreu dem Motto:
Gott, gib mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann,
den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann,
und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden.
Wenn ihr nicht weiter wisst oder könnt: verweist die Teilis an die kostenlose Hilfe bei der Telefonseelsorge oder anderen Anlaufstellen. Ihr könnt sie natürlich auch selber in Anspruch nehmen, wenn euch eine Situation über den Kopf wächst.
– Einige Testleser haben mich darauf aufmerksam gemacht, dass dieser Abschnitt auch für jüngere MA wichtig ist. Ein Beitrag für Neueinsteiger in der Jugendarbeit ist in der Planung. –

Symbolbild: Der gutaussehende Mitarbeiter vom Bild aus Teil 1 wie ihn die KI mit 70 sieht. Ob er wohl bis dahin immer noch in der Jugendarbeit ist? Der legendäre „Opa Hans“ war mit über 80 noch ein kompetenter Zeltgruppenmitarbeiter auf der AJC-Jungscharfreizeit.
Jugendliche begleiten heißt nicht, sie vor allem zu bewahren
Ich möchte die Teilis nicht vor jedem Problem zu bewahren.
Nicht, weil mir ihre Probleme egal wären, sondern weil sie daran wachsen müssen. Wenn ich alles abfedere, nehme ich ihnen die Möglichkeit, eigene Lösungen zu finden. Noch dazu, wäre das für mich – wie schon erwähnt – gar nicht möglich.
Gleichzeitig heißt das aber auch: nicht weg schauen. Wenn ich merke, dass ein Teili wirklich kämpft, nehme ich mir Zeit für ein Gespräch. Nicht mit schnellen Lösungen, sondern mit ehrlichem Interesse. Manchmal helfen schon ein paar Minuten Aufmerksamkeit.
Verantwortung weitergeben – und rechtzeitig nach Nachwuchs suchen
Ein Punkt, den ich im Rückblick selbstkritisch sehen muss:
Man kann sich sehr bequem auf einem gut funktionierenden System ausruhen.
Ich war zu diesem Zeitpunkt über 30 Jahre in der Bubenjungschar in Gammesfeld aktiv. Davon rund 20 Jahre mit einem sehr guten zweiten Gruppenleiter. Persönlich hatten (haben) wir ein gutes Verhältnis, humortechnisch auf einer Wellenlänge, und im Umgang mit den Teilis sehr kompetent. Das lief stabil, eingespielt, zuverlässig. (Danke dafür, Ernschd!) Zuverlässig genug, dass ich zu lange dachte: Das passt schon.
Immer wieder waren weitere Mitarbeiter dabei (Hier möchte ich noch Utzi namentlich und allen anderen grundsätzlich danken). Nach dem Ausstieg von Ernschd stand ich mit zwei guten Mitarbeitern da – die gleichzeitig ihr Abi machten und mit der Jungschar aufhörten. Nach den Sommerferien hatte ich zwei neue, komplett unerfahrene MA. Gott sei Dank fanden sie schnell in ihre Rolle. Aber rückblickend ist es offensichtlich: Ich hatte es versäumt, frühzeitig gezielt nach neuen Mitarbeitern zu suchen.
Ich hatte mich zu lange auf den weichen Kissen eines funktionierenden Systems ausgeruht.
Diese Erfahrung hat mir deutlich gemacht:
Verantwortung darf nicht erst abgegeben werden, wenn es kritisch wird. Und Nachwuchs gewinnt man nicht nebenbei, sondern bewusst und vorausschauend.
Loslassen heißt nicht verschwinden
Verantwortung abzugeben bedeutet nicht, sich überflüssig zu machen.
Es bedeutet, Raum zu schaffen. Für neue Ideen, neue Stile und – neue Fehler. Ja, Mitarbeiter können auch aus eigenen Fehlern lernen. Meine Aufgabe ist dann, als Sicherheitsnetz da zu sein – nicht als dauerhafte Steuerzentrale. Ist es meiner Meinung nach falsch? Dann spreche ich es als meine Meinung an. Sind eventuelle Konsequenzen gravierend? Dann greife ich rechtzeitig ein.
Heute sage ich bewusst zu jungen MA:
„Meine Art ging so. Jetzt seid ihr dran. Nutzt, was euch hilft, und ändert, was ihr besser könnt.“
Das fällt nicht immer leicht. Aber es ist notwendig, wenn Jugendarbeit lebendig bleiben soll.
Das Ende: wie man richtig geht
Diesen Abschnitt kenne ich nicht aus eigener Erfahrung. Aber ich habe schon einige erfahrene Mitarbeitende verabschiedet. Deshalb versuche ich das trotzdem mal zu beschreiben:
Irgendwann kommt der Punkt, an dem man geht.
Vielleicht etwas schleichend, hoffentlich bewusst und hoffentlich nicht früher als geplant. Und ich glaube: Wenn man sich aus einer Gruppe verabschiedet, darf es weh tun. Die Teilis dürfen einen vermissen. Die anderen MA dürfen merken, dass jemand fehlt. Wer jahrelang mit Herz dabei war, hinterlässt Spuren – und das ist etwas Gutes.
Aber das Gehen sollte nicht die Gruppe zum Einsturz bringen. Wenn mit einer Person alles zusammenbricht, dann war zu viel an ihr aufgehängt. Genau deshalb ist es wichtig, rechtzeitig vom Gas zu gehen, Verantwortung abzugeben und andere wachsen zu lassen, solange man noch da ist.
Ein guter Abschied heißt für mich nicht, komplett zu verschwinden. Es bedeutet, den Platz frei zu machen – und trotzdem als Ansprechpartner erreichbar zu bleiben. Nicht mehr in der ersten Reihe, nicht mehr entscheidend, aber ansprechbar. Für Fragen, für Rückhalt, für den einen oder anderen Rat.
Oder mit Unterstützung im Hintergrund. Ein früherer Freizeit-Hauptverantwortlicher macht seit seinem Ausstieg vor über 20 Jahren immer noch den Papierkram mit den Zuschüssen für die Teilis. Still, ohne dass es jemand bemerkt. Danke Harald
So entsteht ein Übergang, kein Bruch.
Und genau das wünsche ich mir für mein eigenes Ende in der Mitarbeit: Dass man mich vermisst – aber dass es ohne mich weitergehen kann.
Was am Ende wirklich trägt
Mit den Jahren hat sich mein Blick verändert. Ich messe Erfolg nicht an Zahlen, sondern an einer gesunden Gruppe. Sowohl bei den Mitarbeitern als auch bei den Teilis.
Ich nehme mich und meine Situation weniger wichtig als früher. Nicht vieles ist so schlimm, wie es sich im ersten Moment anfühlt – und nichts ist so großartig, dass es nicht auch anders gehen kann.
Und eines bleibt für mich unverrückbar:
Ich lebe meinen Glauben. Nicht in frommer Sprache oder perfekten Andachten, sondern in Gottes Wort. Denn nur mit der Weisheit Gottes können wir Jugendliche wirklich begleiten und für Christus begeistern.
Schlussgedanke
Alt werden in der Mitarbeit heißt für mich heute:
weniger beweisen zu müssen,
mehr ermöglichen zu dürfen
und rechtzeitig loszulassen, damit andere wachsen können.
Und genau darin liegt für mich eine neue, tiefe Form von Freude an der Mitarbeit.
PS: Einige Personen haben diese Beitragsreihe als Testlesende im Vorfeld gelesen und teilweise kommentiert. Einige Meinungen sind schon in den Text eingeflossen. Danke an Chrisse, Jasmin, Siggi und Ernschd, die sich die Zeit genommen haben.
Jasmin hat noch folgende wichtigen Gedanken zur Ergänzung. Ich bringe sie nicht wirklich in meinem persönlichen Erfahrungsbericht unter:
Ergänzend wäre für mich noch hilfreich, das Thema Machtgefälle anzusprechen auch im Blick auf Missbrauch. Je weiter ich mich vom Alter der TN entferne, umso wichtiger ist es sehr sensibel mit (körperlicher) Nähe umzugehen. (Übergriffe sind selbstverständlich nie ok, egal wie alt man ist) Nähe wird mit steigendem Altersabstand anders wahrgenommen- darauf zu achten und das zu respektieren ist notwendig.
Ein weiterer ergänzender Punkt könnte sein: Mitarbeitender zu bleiben aber den Bereich zu wechseln, wenn man merkt, das etwas nicht mehr zu einem passt. Man darf auch Platz machen, damit andere den Platz einnehmen können. Nicht weitermachen müssen, weil ggf kein anderer da ist- denn nur weitermachen, weil man sich verpflichtet fühlt, führt nicht unbedingt zu guter Arbeit.
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