Vom Kumpel zum Begleiter – wenn sich die eigene Rolle verändert
Ziemlich direkt nach meiner Konfirmation Anfang der 1990er Jahre bin ich als Mitarbeiter in die Gammesfelder Bubenjungschar eingestiegen, die ich bis heute leite.
Ich habe gemeinsam mit anderen Jugendlichen das Dachgeschoss des Gemeindehauses zu einem Jugendcafé* ausgebaut, das viele Jahre ein Anziehungspunkt in der Region war. Auch da war ich einige Jahre im Leitungsteam.
Ich war lange Jahre im Technik- und Backstageteam von verschiedenen Chören und Projekten.
Ich bin vor so langer Zeit in die Zeltlagerarbeit der AJC-Jungscharfreizeit eingestiegen, dass mittlerweile die Kinder der damaligen Teilis auf das Zeltlager mit gehen.
* Am Tag der Veröffentlichung dieses Beitrags findet übrigens die Wiedereröffnung des l’Arrivée statt.
Vieles ist noch so wie damals, aber einiges hat sich auch verändert. Vor allem: Ich.
Im ersten Teil habe ich beschrieben, wie ich gemerkt habe, dass ich nicht mehr automatisch der „coole“ Mitarbeiter bin. Wenn man das einmal akzeptiert hat, stellt sich zwangsläufig die nächste Frage: Wenn ich diese Rolle verliere – welche Rolle habe ich dann?
Vermutlich keine schlechtere, aber eine, die bewusst gestaltet werden will. Und genau darin liegt eine große Chance – für die Teilis, für das Team und auch für mich selbst.
Mitarbeitende kommen und gehen oft leider schneller als einem lieb ist. Wer in der Jugendarbeit bleibet ist so häufig schon nach wenigen Jahren „der Erfahrene“ und muss nehr Verantwortung übernehmen. Da ist die Grenze vom Gruppenmitarbeiter zum Gruppenleiter fließend.
Jüngere MA
Ich habe schon im letzten Teil festgestellt: dass jüngere MA bei den Teilis oft beliebter sind, ist völlig normal. Sie sprechen ihre Sprache flüssiger, kennen aktuelle Trends aus dem eigenen Alltag und sind näher an ihrer Lebenswelt. Ich habe gelernt, das nicht als Konkurrenz zu sehen – sondern als Gewinn für das Team.
Statt sich innerlich zu vergleichen, sollte man versuchen, diese Nähe bewusst zu nutzen. Jüngere MA bekommen Räume und Rollen, in denen ihre Stärke zum Tragen kommt: bei der Programmplanung, bei trendnahen Aktionen oder in der direkten Ansprache der Teilis.
Gleichzeitig sollte man im Team transparent machen, dass wir unterschiedliche Aufgaben haben. Wenn jemand sagt: „Du kennst dich doch gut mit der neuen App aus, die ihr nutzt. Mach du das, und ich kümmere mich darum, dass das Programm durchdacht und vorbereitet ist“, dann wird klar: Wir ergänzen uns. Und gemeinsam entsteht etwas Gutes.

Symbolbild: Der Mitarbeiter vom Bild aus Teil 1 wie ihn die KI mit 60 sieht. Geht doch noch, oder?
Meine neue Rolle: „Backstage“
Mit den Jahren habe ich gemerkt, dass meine Stärke nicht mehr so sehr im Vordergrund liegt, sondern im Hintergrund. Weniger „Bühne“ mehr „Backstage“. Ich bin nicht mehr immer der Erste, der vorangeht – aber ich sorge dafür, dass der Rahmen steht.
Ich begleite. Ich versuche Dinge zusammen zu halten und zu ermöglichen. Ich bringe Erfahrung ein. Idealerweise ohne sie aufzudrängen. Manchmal warte ich bewusst auf den Moment, in dem ich gefragt werde. Oder ich biete meine Hilfe vorsichtig an: „Ich habe damit schon mal Erfahrungen gemacht – soll ich kurz was dazu sagen?“
Ich muss nicht mehr überall vorne stehen. Meine Aufgabe ist es, Sicherheit zu geben und Wachstum zu ermöglichen.
Zwischen Tradition und Veränderung
Als älterer Mitarbeiter muss ich aufpassen, nicht an Traditionen fest zu kleben.
„Das war schon immer so“ ist kein Synonym für „Das ist gut“ oder „Das muss so bleiben“. Genauso wenig ist „Das ist neu“ oder gar „Das ist modern“ oder „… voll der Trend“ automatisch gleichbedeutend mit „Das ist besser“.
Das ist eine ständige Gratwanderung.
Einerseits: Never change a running system.
Andererseits: Stillstand ist Rückschritt.
Erfahrung hilft, Dinge einzuordnen. Aber man muss sie nicht durchdrücken. Manchmal ist es richtig, Bewährtes zu schützen. Manchmal ist es besser, loszulassen und Neues zuzulassen – auch wenn es nicht mein Stil ist. Oft wird es weder besser noch schlechter. Es wird anders.
Fast nichts hat nur Vor- oder Nachteile. Oft ist es nur eine andere Gewichtung der Dinge.
Mach dich nicht unersetzlich
Es gibt Mitarbeitende, die machen einfach alles.
Sie sind vom Anfang bis zum Ende eines Projekts dabei. Über viele Jahre. Man merkt oft nur am Rande, wie viel sie im Hintergrund regeln, organisieren und zusammenhalten. Nach außen wirkt alles selbstverständlich. Und genau dadurch entsteht schnell der Eindruck: Diese Person ist unersetzlich.
Einerseits ist das etwas Gutes. Solche MA sind zuverlässig, engagiert und tragen enorm viel Verantwortung. Ohne sie würde vieles nicht laufen. Andererseits ist genau das auch gefährlich.
Denn wenn so jemand plötzlich nicht mehr da ist – aus privaten, beruflichen oder gesundheitlichen Gründen – bricht auf einmal mehr weg als nur eine Person. Dann fehlt nicht nur ein Mitarbeiter, sondern Wissen, Erfahrung, Kontakte und oft ganze Abläufe. Und plötzlich merken alle, wie viel diese Person tatsächlich gemacht hat.
Wenn alles an mir hängt, habe ich etwas falsch gemacht.
Scheinbar unersetzlich zu sein fühlt sich gut an. Man wird gebraucht, gefragt, geschätzt. Langfristig schadet es aber dem Team – und manchmal auch einem selbst. Ein gesundes System muss auch dann funktionieren, wenn eine Person wegfällt. Vielleicht anders, vielleicht holpriger, aber grundsätzlich tragfähig.
Deshalb gehört es für mich zur Verantwortung eines erfahrenen Mitarbeiters, bewusst Wissen zu teilen, Aufgaben abzugeben und andere mit hineinzunehmen. Auch dann, wenn es länger dauert. Auch dann, wenn jemand Dinge anders macht, als ich es tun würde.
Unersetzlich zu sein ist kein Qualitätsmerkmal. Ein Team, das auch ohne mich bestehen kann, schon.
Wissen weitergeben, bevor es verloren geht
Ein Punkt ist mir mit den Jahren besonders wichtig geworden: Ich möchte mein Wissen und meine Erfahrungen nicht für mich behalten. Wenn erfahrene MA aussteigen, geht oft enorm viel Wissen verloren – vor allem das, was nie irgendwo aufgeschrieben war.
Ich habe das sehr deutlich erlebt, als die beiden langjährigen Hauptverantwortlichen der Jungscharfreizeit ausgestiegen sind. Erst im Laufe der Vorbereitungen für das nächste Zeltlager wurde dem Kernteam und den neuen HVs bewusst, wie viel Arbeit im Hintergrund gelaufen war. Umso wertvoller war es, dass die alten HVs vieles dokumentiert hatten und jederzeit ansprechbar waren. Danke nochmal, Dani und Schmoun.
Ich versuche, mein Wissen und meine Erfahrungen weiterzugeben. An junge Mitarbeitende, mit denen ich Programmpunkte, Gruppenstunden und Zeltlager vorbereite. Und über die Jungscharwerkstatt an alle, die kostenlos davon profitieren wollen. Nicht als Besserwisserei, sondern als Angebot.
Wir haben in der Jungscharfreizeit mittlerweile ein ausführliches „Wiki“ angelegt. Dort sind – so weit wir noch Informationen auftreiben konnten – Lagerprogramme seit den 1970ern und und Informationen zu den Zeltplätzen hinterlegt. Wie kann ich den Förster von diesem Zeltplatz erreichen? Wer ist Ansprechpartner vom Übernachtungsplatz der Zweitageswanderung? Wo ist das Hallen- und das Freibad? Welche Zelte haben wir im Lager? Was muss man bei Standard-Programmpunkten wie Baden gehen, Basteln, Nachtwanderung und so weiter beachten?
Wir nutzen dafür „Dokuwiki„. Eine einfache und schlanke Dokumentationsplattform. Kostenlos. Minimale Ansprüche an den Server. Allerdings muss man beim Anlegen neuer Seiten ein bisschen rumfrickeln.
Wenn ihr andere und sogar bessere Lösungen zur Dokumentation habt, schreibt es unten in die Kommentare.
Ausblick auf Teil 3:
Je länger man dabei ist, desto wichtiger werden auch die eigenen Grenzen – körperlich, emotional und geistlich. Im dritten Teil geht es darum, wie Verantwortung aussieht, ohne sich selbst zu verlieren.
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